"Wenn wir Arbeitsplätze langfristig sichern wollen, dann darf es keine heiligen Kühe geben"
Die Deutsche Post DHL hat heute ihre Bilanz für das erste Quartal vorgelegt. Die globale Wirtschaftskrise hat sich unmittelbar auf das Geschäft des weltweit größten Logistikers ausgewirkt und zu einem Umsatzrückgang von 13 Prozent und zu einem um 42 Prozent niedrigeren Ergebnis vor Einmaleffekten geführt. Im Gespräch mit Deutsche Post DHL News erläutert der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Frank Appel, welche Maßnahmen er und sein Management planen, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu begrenzen.
Deutsche Post DHL News: Herr Appel, das EBIT vor Einmaleffekten ist im ersten Quartal um 42 Prozent eingebrochen. Ist das ausschließlich auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen?
Frank Appel: So etwas haben wir bisher noch nicht erlebt. Mit Beginn des vierten Quartals 2008 sind die Sendungsmengen dramatisch eingebrochen. Auf Grund der globalen Vernetzung der Märkte ist kaum eine Branche oder Region davon verschont geblieben und zum Teil waren und sind die Reaktionen sicherlich irrational. Dennoch sind wir als weltweit größter Logistikdienstleister unmittelbar von dieser Entwicklung betroffen, was zu einem Rückgang des Konzernumsatzes um 13 Prozent geführt hat. Natürlich haben aber auch andere Faktoren das Ergebnis beeinflusst, zum Beispiel höhere Lohnkosten im Briefbereich.
Wie wirkt sich die weltweite Wirtschaftskrise denn insgesamt auf ihr Geschäft aus?
Frank Appel: Sehen Sie, die Wirtschaftskrise wirkt sich in zweifacher Hinsicht auf uns aus: Sie legt strukturelle Herausforderungen - zum Beispiel im Brief- oder Expressbereich - schonungslos offen. Diese Herausforderungen gehen wir jetzt systematisch an. Nehmen Sie den Briefbereich: Wenn wir langfristig Arbeitsplätze sichern wollen, darf es keine heiligen Kühe geben. Die Krise birgt aber auch eine Riesenchance für uns. Als globaler Marktführer haben wir die notwendige Größe und die finanzielle Stärke, um aggressiv im Markt aufzutreten. Wir werden die momentane Marktlage also auch bedingungslos nutzen, um unseren Marktanteil zu erhöhen.
Wie schätzen Sie die derzeitige Entwicklung ein? Wird es noch weiter bergab gehen?
Frank Appel: Wenn man sich die Entwicklung der Sendungsvolumen ansieht, könnte man zu dem Schluss kommen, die Talsohle sei langsam erreicht. Bei den internationalen Expresssendungen haben wir im März eine stabile Entwicklung gesehen und auch die Zahlen des Aprils scheinen in eine ähnliche Richtung zu weisen. Bei den Luftfrachtvolumen sehen wir seit Januar eine monatliche Verbesserung und in der Seefracht haben wir im März sogar schon wieder ein Plus gegenüber dem Vorjahr verzeichnet. Allerdings sollte die momentane Entwicklung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sendungsmengen in den meisten Bereichen nach wie vor weit hinter den Vorjahreswerten zurückbleiben.
Sollten wir mit unserer Einschätzung allerdings Recht behalten, werden wir ab der zweiten Hälfte dieses Jahres und im Jahr 2010 zunehmend von unserem Kostensenkungsprogramm profitieren. Vor allem im Unternehmensbereich EXPRESS werden sich die guten Fortschritte in den USA positiv auf die Verbesserung des gesamten Geschäfts auswirken. Demzufolge sollten auch die Rückgänge im EBIT vor Einmaleffekten weniger heftig ausfallen als die Rückgänge, die der Konzern im ersten Quartal gesehen hat und die er für das zweiten Quartal dieses Jahres erwartet.
Gehen Sie denn auch davon aus, dass Sie im Jahr 2009 wieder einen Nettogewinn erzielen werden? Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Post DHL ja zum ersten Mal seit ihrem Börsengang rote Zahlen geschrieben.
Frank Appel: Hier erwarten wir, dass sich, wie schon im ersten Quartal, die Postbank-Transaktion positiv auswirken wird. Die Bewertung vor allem der Verkaufsoptionen auf die restlichen Postbankaktien und Dekonsolidierungseffekte werden sich positiv auf das Finanzergebnis auswirken. In der Folge erwarten wir einen Nettogewinn für das gesamte Jahr und eine ganz erhebliche Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr.
Das berichtete EBIT der fortgeführten Geschäftsbereiche ging im ersten Quartal sogar um 95 Prozent zurück. Was waren hier die Hauptfaktoren?
Frank Appel: Neben der schwachen Nachfrage, die das Ergebnis in allen Unternehmensbereichen belastet hat, spielte hier nach wie vor die Restrukturierung unseres DHL Expressgeschäfts in den USA eine Rolle. Die planmäßigen Kosten für die Restrukturierung von 245 Millionen Euro - wir haben uns ja Ende Januar ganz aus dem inneramerikanischen Expressmarkt zurückgezogen - hat fast die Hälfte des Rückgangs ausgemacht. Dazu kamen noch 40 Millionen Euro an Restrukturierungskosten in anderen Unternehmensbereichen. Gleichwohl ist die Neuausrichtung unseres Expressgeschäfts hin zu den profitableren internationalen Sendungen der richtige Schritt gewesen und wir sehen uns bereits jetzt in unserer Strategie bestätigt.
Auch das bislang profitabelste Geschäft, das Briefgeschäft, kann Ihnen im ersten Quartal keine Freude bereitet haben. Das Ergebnis ist hier um ein Viertel eingebrochen. Woran lag's?
Frank Appel: Auch hier ist in einigen Geschäftsfeldern sicherlich die schwache Nachfrage wieder der Grund. Vor allem Versandhändler haben ihre Ausgaben für Werbesendungen heruntergefahren und weniger versendet. Auch im internationalen Briefgeschäft, bei Global Mail, ist der Umsatz zurückgegangen, was teilweise daran liegt, dass wir uns von unprofitablen Kunden getrennt haben. Aber auch die Einstellung des DHL@home Produkts in den USA hat sich natürlich negativ auf den Umsatz ausgewirkt.
Auf der Kostenseite haben wir in diesem Jahr die Auswirkungen des im vorigen Jahr geschlossenen Tarifvertrags für die 130.000 Beschäftigten im deutschen Briefbereich gespürt. Die höheren Lohnkosten konnten wir nicht mehr kompensieren.
Was ist Ihre Strategie, um dem Margenverfall im Briefbereich zu begegnen?
Frank Appel: Klar ist, dass die Menschen immer stärker auf elektronische Kommunikationsformen setzen und wir unser Angebot in diesem Bereich ausweiten müssen. Deshalb arbeiten wir mit Hochdruck an neuen Produkten, die die elektronische Kommunikation mit der Sicherheit und Zuverlässigkeit verbinden, die die Deutsche Post wie kein Zweiter garantiert. Allerdings geht es nicht nur darum, neue Geschäftsfelder zu erschließen.
Wir müssen auch ganz massiv auf der Kostenseite arbeiten. Solange wir das in Zeiten anpacken, in denen die Margen noch gut sind, können wir das über einen längeren Zeitraum machen, ohne dass allzu radikale Einschnitte notwendig sind. Deshalb denken wir auch über Themen wie die Verlängerung der Wochenarbeitszeit, Outsourcing oder die Vergrößerung von Zustellbezirken nach.
Wir haben im Briefbereich strukturelle Herausforderungen, keine vorübergehenden Nachfrageprobleme wie zum Beispiel in der Autoindustrie. Deshalb ist Kurzarbeit nichts, was uns hier helfen würde, die Kosten zu senken. Hier sind andere Maßnahmen, wie eben eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit, notwendig. Wenn wir jetzt nichts tun, werden wir in ein paar Jahren gezwungen sein, die Notbremse zu ziehen. Das möchte ich unter allen Umständen vermeiden.
Sie sind dabei, das Expressgeschäft neu auszurichten. Welche Schwerpunkte setzen Sie hierbei?
Frank Appel: Wir haben für unser Expressgeschäft einen ganz klaren Ansatz gewählt: Steigerung der Profitabilität bei gleichzeitiger Beibehaltung unserer hohen Servicequalität. Deshalb richten wir das Geschäft auf unsere internationalen Dienstleistungen aus. Das ist nicht nur profitabel, sondern erlaubt uns auch, uns von unseren Wettbewerbern abzusetzen. In den USA haben wir uns aus dem inneramerikanischen Markt per Ende Januar ganz zurückgezogen. Auch außerhalb der USA liegt unser Augenmerk auf den Ländern, in denen das Geschäft mit inländischen Sendungen oder auch das Geschäft mit den zeitgenauen internationalen Sendungen Verluste macht. Und wir senken, wie auch in den anderen Unternehmensbereichen, die Verwaltungskosten weiter.
Was beinhalten diese Kostensenkungen genau, und reichen sie aus, um den Auswirkungen der Wirtschaftskrise entgegenzuwirken?
Frank Appel: Wir haben ja schon im November 2007 ein umfangreiches Programm aufgelegt, um die Effizienz im Konzern zu steigern und aus dem operativen Ergebnis mehr Mittel zu generieren. Wir haben hier bereits beachtliche Erfolge erzielt: Die Postbank und Immobilien verkauft, angefangen, Bereiche umzubauen, die nicht unseren Renditevorstellungen entsprechen, Investitionen heruntergefahren und unser Nettoumlaufvermögen reduziert. Ohne diese Fortschritte stünden wir in der jetzigen Krise viel schlechter da.
Da das aber alleine nicht ausreicht, haben wir schon im November ein umfassendes Programm zur Einsparung indirekter Kosten aufgesetzt, das die Kostenbasis im Konzern um mindestens eine Milliarde bis Ende 2010 reduzieren soll. Der Expressbereich, der den Löwenanteil mit 460 Millionen Euro zu dem Ziel beitragen wird, erwartet, dass er die Einsparungen bereits bis Ende 2009 erreichen kann. Auch die anderen Bereiche werden versuchen, ihre Einsparziele früher zu erreichen.
Dabei strebt der Briefbereich an, 180 Millionen Euro einzusparen; GLOBAL FORWARDING, FREIGHT geht von Einsparungen in Höhe von 160 Millionen Euro aus und der Bereich SUPPLY CHAIN will die nicht-operativen Kosten um 130 Millionen Euro reduzieren. Zusätzlich sollen die indirekten Kosten im Bereich Corporate Center um 70 Millionen Euro reduziert werden.
Sie sprechen die Erfolge der Roadmap to Value an. Blickt man jedoch auf den Cash-flow im ersten Quartal, ist dieser negativ. Woran lag das?
Frank Appel: Fest steht, dass wir mit den Initiativen der Roadmap to Value und mit dem Fokus auf unsere solide Cash-Position auf dem richtigen Weg sind. Das hören wir auch immer wieder von unseren Investoren und das beweisen auch die Zahlen: Mit 2,7 Milliarden Euro haben wir eine sehr solide Nettoliquidität. Allerdings hatten wir, wie schon erwähnt, weitere Restrukturierungskosten und natürlich wirkt sich auch die schwache Marktsituation negativ aus. Außerdem fallen im ersten Quartal regelmäßig die Pensionszahlungen für die Beamten an.
Apropos Investoren - Sie haben auf der Hauptversammlung im April heftig Kritik einstecken müssen, weil Sie entgegen vorheriger Aussagen die Dividende gekürzt haben und auch die Entwicklung des Aktienkurses nicht zufrieden stellend war. Wie wollen Sie die Aktionäre überzeugen, in Aktien der Deutschen Post zu investieren?
Frank Appel: Momentan sind wir bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das mit der Performance seiner Aktie nicht zufrieden sein kann. Ich glaube aber ganz fest daran, dass in unserem Unternehmen - und damit in unserer Aktie - noch enormes Potenzial steckt. Wenn wir jetzt die richtigen Schritte einleiten und die Maßnahmen unserer Strategie 2015 konsequent umsetzen, werden wir in ein paar Jahren die Früchte ernten können und das wird sich auch in unserem Aktienkurs niederschlagen.