Mañana war gestern
Mexikaner hatten lange das Image, Dinge aufzuschieben statt sie anzupacken. Heute ist von der Mañana-Kultur nicht mehr viel übrig: Die Wirtschaft des Landes wächst, und nichts deutet darauf hin, dass die neue Dynamik so schnell endet.
Wirtschaftlich steht Mexiko sehr gut da: Bis 2015 wird ein konstantes Wachstum von jährlich fünf Prozent erwartet.
Noch vor 20 Jahren war der Fußboden in jedem fünften mexikanischen Wohnhaus nicht mehr als der Baugrund. Jedes zehnte Haus hatte keinen Stromanschluss, jedes dritte war nicht an die Kanalisation angeschlossen.
Heute haben 93 Prozent aller Haushalte einen Fernseher, 82 Prozent einen Kühlschrank und 65 Prozent eine Dusche. Ein eigenes Mobiltelefon haben zwei von drei Mexikanern.
Die Verhältnisse in Mexiko haben sich schnell gewandelt - und sie tun es noch immer. Wirtschaftlich steht das Land sehr gut da: Bis 2015 wird ein konstantes Wachstum von jährlich fünf Prozent erwartet. Die Außenhandelsbilanz ist nahezu ausgeglichen. Mexiko ist schon jetzt die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas und Nummer 14 weltweit.
Wachstumstreiber Pharma und Auto
Chrysler, Ford, GM, Nissan, Renault und Volkswagen: Sie alle haben Standorte in Mexiko und machen das Land mit zwei Millionen Fahrzeugen jährlich zum zehntgrößten Autobauer der Welt. Nach Angaben von Alex Graniewicz, Länderchef von DHL Global Forwarding (DGF), hat die die Branche derzeit einen Anteil von etwa 18 Prozent am produzierenden Gewerbe in Mexiko.
DHL in Mexiko
- Beschäftigte insgesamt: über 11.000, davon Express: über 3.500, Global Forwarding: 350, Supply Chain: über 7.500
- Global Forwarding ist seit 1969 im Land präsent, Express seit 1979, Supply Chain seit 1992.
- Lagerfläche gesamt: 800.000 Quadratmeter
- Tägliche Sendungen: 100.000
Das Land sei mittlerweile auch wieder interessant für Hersteller, die ihre Produktion nach China oder Indien verschoben hatten. "Wegen der Preisschwankungen beim Öl kommen viele aus Asien wieder zurück", sagt Graniewicz. "Das gilt insbesondere dann, wenn sie für den amerikanischen Markt produzieren."
Auch die Pharmaindustrie hat Mexiko als attraktiven Standort für regionale Geschäfte entdeckt. DHL Supply Chain (DSC) reagierte mit einer Lösung namens "Pharmashare", die es auch in anderen Ländern gibt. Statt für jedes Unternehmen ein eigenes gekühltes Lager zu betreiben, werden die Waren mehrerer Hersteller gebündelt. Für dieses System hat DHL kürzlich einen nationalen Logistikpreis gewonnen.
"Durch Pharmashare haben wir in dem Sektor ein jährliches Wachstum von 30 Prozent erreicht", sagt Daniel Pardo, Mexiko-Chef von DSC. "Das Konzept ist so erfolgreich, dass wir im vergangenen Jahr 2010 eine weitere Anlage mit 40.000 Quadratmetern eröffnet haben. Wir erwarten, dass sie bis Ende 2011 ausgelastet ist."
Die Richtung der Auslandsinvestitionen dreht
Gute Geschäftsmöglichkeiten wittern Logistikdienstleister auch im boomenden Einzelhandel. Der Sektor profitiert vor allem vom steigenden Markenbewusstsein der Mittelschicht. Die mexikanische Einzelhandelskette Chedraui wagt sich sogar in den Wettbewerb mit dem US-Riesen Walmart. Chedraui importiert beispielsweise Textilien aus China und vertreibt diese in über 50 Filialen im Süden und Südosten Mexikos. Jetzt dringt der Einzelhändler auf den amerikanischen Markt.
Damit dreht sich ein Trend um, sagt Alejandro Palacios, der bei DGF Americas für Strategie, Leistungsmanagement und First Choice zuständig ist: "Viele Unternehmen, die in den USA Geschäfte machen, haben auch in Mexiko Spuren hinterlassen. Aber jetzt beobachten wir die umgekehrte Richtung von Auslandsinvestitionen."
Auch in Europa und Asien haben einige mexikanische Unternehmen Fuß gefasst. Ein Beispiel dafür ist Grupo Bimbo. Der Konzern ist der umsatzstärkste Lebensmittelproduzent Mexikos und der größte Hersteller von Backwaren weltweit. Ähnlich erfolgreich ist der Getränkehersteller Grupo Modelo. Zu dem Unternehmen gehört mit Corona eine Biermarke, die international beliebt ist. "Das Bier wird komplett in Mexiko produziert und von hier aus in alle Welt verschifft", sagt Palacios. "Grupo Modelo ist ein sehr starkes Unternehmen und investiert viel in Mexiko."
Länderchef Antonio Arranz: "Als wir 1979 gestartet sind, haben wir den Express-Markt in Mexiko quasi selbst geschaffen."
Express: Pionier und Marktführer
DHL Express investiert in Mexiko ebenfalls viel Geld. Das Inlandsgeschäft ist knapp eine Milliarde Euro schwer und wächst mit einer Jahresrate von rund acht Prozent. Länderchef Antonio Arranz sagt: "Als wir 1979 gestartet sind, haben wir den Express-Markt in Mexiko quasi selbst geschaffen. Und wir engagieren uns hier nach wie vor sehr stark."
Um Marktführer zu bleiben, will Express 88 Millionen Euro in die Entwicklung von Umschlagplätzen, in neue Technologie und Verkaufsstellen investieren. 23 Millionen Euro kostet alleine ein Drehkreuz für den Landverkehr, das das größte in Lateinamerika werden soll. Es soll angebunden sein an das Luftfahrt-Drehkreuz in Queretari, wo jede Nacht zwölf Inlandsflüge abgefertigt werden.
Das inländische Netzwerk von DHL Express schließt 400 Verkaufsstellen ein, an denen Kunden Sendungen abgeben und abholen können. Sie bieten außerdem Zusatzleistungen an: Seit Januar 2011 können Mexikaner, die erfolgreich ein Visum für die USA beantragt haben, dieses in einer DHL-Verkaufsstelle abholen. Das Geschäft mit der US-Regierung sichert Express über zehn Jahre einen Umsatz von rund 42 Millionen Euro.