"Unsicherheit ist der Normalzustand"
Der "Delphi Dialog 2020" geht weiter: Im vergangenen Jahr hatte die Deutsche Post DHL ihre globale Zukunfts-Studie "Delivering Tomorrow" vorgestellt und damit aufgezeigt, wie sich die Welt bis zum Jahr 2020 und darüber hinaus verändert und gleichzeitig neue Erwartungen der Gesellschaft und Anforderung von Konsumenten nach sich zieht. In Hamburg fand jetzt die zweite Veranstaltung der Diskussionsreihe statt, mit der die Deutsche Post DHL und ihr Vorstandsvorsitzender Frank Appel die mit der Studie angestoßene breite Debatte in diesem Jahr gemeinsam mit führenden Experten fortsetzt.
Christof Ehrhart, Chef der Konzernkommunikation, begrüßte die Gäste des zweiten Delphi Dialogs.
"Wenn es um das Thema Sicherheit geht, sind die Fragen, die wir nicht stellen, viel gefährlicher als eventuell falsche Antworten, die wir immer noch korrigieren können", mit dieser These hatte der Außenpolitik- und China-Experte Prof. Dr. Eberhard Sandschneider, Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, in seinem Eröffnungsstatement die Gäste des zweiten Delphi Dialogs in Hamburg gepackt.
Im Altonaer Kaispeicher ging es um Piraten und elektronische Fingerabdrücke, um Störungen der globalen Lieferketten und um asymmetrische Bedrohungen, kurz: um die Sicherheitsherausforderungen, denen sich die Wirtschaft im 21. Jahrhundert und denen sich insbesondere die moderne, globale Logistik stellen muss. Unter der Moderation des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust diskutierte Prof. Eberhard Sandschneider mit dem Vorstandsvorsitzenden von Deutsche Post DHL, Dr. Frank Appel, wie Unternehmen diesen Herausforderungen am besten begegnen.
Diffuse Sicherheit
China-Experte Prof. Eberhard Sandschneider: "Fragen, die wir nicht stellen, sind gefährlicher als eventuell falsche Antworten"
"Sicherheit ist heute diffus geworden, Unsicherheit ist der Normalzustand", stellte Sandschneider fest. Im globalen Dorf müsse man sich heute mehr denn je mit Paradoxa auseinandersetzen. "Wir gewinnen Kriege, aber verlieren den Frieden", so Sandschneider. Technischer Fortschritt werde mit mittelalterlichen Methoden konterkariert: Gegen Laufburschen, die Nachrichten auf handgeschriebenen Zetteln von Tal zu Tal übermitteln, sind Drohnen und Handy-Ortung bei der Terroristenjagd wirkungslos.
Auch und gerade für globale Unternehmen ist das Unsicherheitspotenzial erheblich gewachsen. Um weltweit agieren zu können, müssen sie auch einen umfassenden Überblick über die Sicherheitssituation in ihren Märkten haben. "Eigentlich müssten Welt-Konzerne ähnlich große Grundsatzabteilungen wie das Auswärtige Amt aufbauen, um über sicherheitsrelevante Entwicklungen rund um den Globus immer im Bilde zu sein", erklärte der Direktor des Deutschen Instituts für Auswärtige Politik. Für Logistik-Konzerne, die jeden Tag unzählige Warensendungen über Tausende Kilometer rund um den Erdball bewegen, gilt das umso mehr.
Der Schlüssel für nachhaltigen Unternehmenserfolg in einer globalisierten Welt ist dem Experten zufolge die Fähigkeit, immer wieder flexibel und schnell auf unvorhergesehene Ereignisse und überraschende Veränderungen der Rahmenbedingungen zu reagieren - eben das, was mit dem englischen Begriff "Resilience" gemeint sei, für den es keine adäquate deutsche Übersetzung gebe. Eine weitere wichtige Erfolgsvoraussetzung: zentral führen, aber lokal handlungsfähig bleiben.
Auf das Unvorhergesehene vorbereitet sein
Stefan Aust (l.) moderierte die Diskussion zwischen Sandschneider und Postchef Frank Appel.
Dem stimmte Frank Appel ausdrücklich zu. "Unsere Mitarbeiter haben diese Flexibilität im Blut. Wenn es darum geht, mit etwas Unvorhergesehenem fertig zu werden und eine innovative Lösung zu finden, dann sind sie in ihrem Element", lobte der Vorstandsvorsitzende von Deutsche Post DHL seine Mannschaft. In der Logistik sei derlei an der Tagesordnung.
Appel hat klare Vorstellungen davon, wie ein Weltkonzern unter diesen Bedingungen gesteuert werden sollte: "Die Prognosefähigkeit ist dramatisch zurückgegangen", konstatierte er. Das führe dazu, dass eine Unternehmensleitung nicht mehr alles bis ins Detail genau planen könne. "Meistens kommt es sowieso anders", weiß Appel. Stattdessen sei es eine der Hauptaufgaben des Managements, möglichst viele Mitarbeiter und Führungskräfte in die Lage zu versetzen, von allein das Richtige zu tun.
Kleine Ursache - große Wirkung
Unsichtbare Vulkan-Aschewolken, angekündigtes Schneechaos, Erdbeben, Verkehrsstaus, Piratenüberfälle: All dies wirft die Frage auf, wie störungsanfällig die regionalen und internationalen Lieferketten sind. Ist das System gar zu komplex geworden und birgt unbeherrschbare immanente Unsicherheiten? Eberhard Sandschneider sieht die Gefahr eher in der medialen Aufbereitung von negativen Ereignissen mit dem Potenzial zur Unterbrechung der Lieferketten: Erst der bildmächtige Hebel der Massenmedien sorge bei einer kleinen Ursache für eine große Wirkung.
Auch der Vorstandsvorsitzende von Deutsche Post DHL beruhigte: "Viele Ereignisse werden in ihrer Wirkung überschätzt. Die globale Logistik ist an sich gar nicht so anfällig wie es angesichts der Medienberichte, zum Beispiel über Piratenangriffe, häufig erscheint. Bei aller Dramatik im Einzelfall: Dazu sind die Ereignisse für sich genommen oft zu klein - und unsere Flexibilität in der Reaktion ist zu hoch."